Jiddisches | Jüdisches

Lachen

Als begnadeter Witze-Erzähler bietet Roman Grinberg mehrere Programme, die dem jüdischen Humor und dem berühmten jüdischen Witz gewidmet sind.

Was ist Jüdischer Witz?

Die Einzigartigkeit

Der jüdische Witz nimmt in der Weltliteratur eine Sonderstellung ein. Er ist tiefer, bitterer, schärfer, vollendeter, dichter, und man kann sagen, dichterischer als der Witz anderer Völker. Ein jüdischer Witz ist niemals Witz um des Witzes willen, immer enthält er eine religiöse, politische,  soziale oder philosophische Kritik. Er ist faszinierend, denn er ist Volks- und Bildungswitz zugleich, jedem verständlich und doch voll tiefer Weisheit.

Historisches

Durch Jahrhunderte war der Witz die einzige und unentbehrliche Waffe des sonst waffen- und wehrlosen Volkes. Es gab – besonders in der Neuzeit – Situationen, die von den Juden seelisch und geistig überhaupt nur mit Hilfe ihres Witzes bewältigt werden konnten.

Man geht davon aus, dass die ersten „Badchonim“ – fahrende Volkssänger  und Komödianten – auch die Begründer des jüdischen Volkswitzes waren. In der Heidelberger Universitätsbibliothek kann man heute eine Miniatur aus dem 14. Jahrhundert besichtigen, die den Badchen und Minnesänger Süsskind von Trimberg in einer lebhaften Unterhaltung mit einem christlichen Fürsten darstellt. Süsskind trägt die typische Tracht, den Bart und den spitzen Judenhut, den die Juden damals tragen mussten.

Carlo Schmid schreibt: „Der jüdische Witz ist heiter hingenommene Trauer über die Gegensätze dieser Welt. Er zeigt immer wieder auf, dass – eben in dieser Welt voller Logik – die Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können.“ Sigmund Freud vermochte zwar sein Lebtag keinen einzigen Patienten mit Hilfe  seiner Psychoanalyse zu heilen, er erkannte aber mit genialer Hellsicht:
„Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen.“

Salcia Landmann hat den Ursprung des jüdischen Witzes erforscht. Sie zeigt in ihren Büchern frappierende Beispiele auf und folgert überzeugend, dass er nur unter dem Druck unrechtmäßigen Leidens, das man erdulden musste, gepaart mit der umfassenden Talmudbildung, die es möglich machte, jeden Lebensbereich gründlich und kritisch-sarkastisch auszuleuchten, gedeihen konnte. Beides Bedingungen und offenbar unentbehrliche Voraussetzungen für den einzigen Volkswitz, der diese gewaltigen Dimensionen in sich trägt.

Wenn von jüdischen Witzen die Rede ist, sind viele Menschen der Meinung, es handele sich dabei um Witze über Juden. Die meisten dieser für den Geist und das Wesen des jüdischen Volkes wenig schmeichelhaften Scherze sind jedoch nichts weiter als spöttische Verulkungen, die sich in Niveau und Qualität wesentlich von dem unterscheiden, was den echten jüdischen Witz ausmacht: Er stellt die Regeln des Lebens von innen her in Frage. In vielen dieser jüdischen Witze steckt etwas Spezifisches, das in Dimensionen führt, vor denen die Witze anderer Völker halt machen.

Da steht das Gesetz, unerbittlich genau in seinen Vorschriften, das ganze Leben durchflutend. Aber da ist auch das Leben selbst mit all seinen Ansprüchen und Notwendigkeiten, mit seinen Genüssen und Verlockungen. Und da gibt es abseits vom Gesetz das Wissen, dass das Leben seine Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten und Eventualitäten hat. Und letztendlich ist da auch die Schwachheit des Menschen, der Gesetz, Leben und sich selbst vereinen muss. Da hilft nichts anderes als Ironie.
Wie soll man denn sonst all die kleinen Treulosigkeiten dem Gesetz gegenüber verantworten und die unerwarteten Veränderungen der Lebensregeln hinnehmen? Und was nützt einem überhaupt das Wissen um die Regeln, wenn die Natur doch immer wieder vergisst, konkrete Situationen nach den Regeln einzurichten? Ist man denn nicht der Hereingefallene, wenn man das Wahrscheinliche mit dem Existenten gleichsetzt? Jeder Mensch weiß, dass Hunde, die bellen, nicht beißen. Aber – weiß es der Hund auch?

Der Stolz auf all die Logik, auf die Macht des Geistes steckt – bei aller Selbstironie – in der Geschichte des Reisenden, der im Eisenbahnabteil den Namen seines Gegenüber auf Grund der Überlegungen des Reisezieles, des Alters und der Kleidung „ausrechnet“ und so auf sicherem Weg vom Augenscheinlichen auf das Abstrakte kommt. Genau das Gegenteil bietet uns diese hübsche Variante:

Zwei Juden im Bahnabteil. Der eine stellt sich vor: „Gestatten Sie, Mandelbaum.“
„Mandelbaum, Mandelbaum“, sagt sein Gegenüber nachdenklich. „Warten Sie, der Name kommt mir so bekannt vor… Sagen Sie, sind Sie nicht so ein kleiner Dicker mit einer Glatze und einem roten Spitzbärtchen?“

Der Spott gebührt aber demjenigen, der glaubt, immer nur Schlauheiten kombinieren zu müssen (und der doch im Grunde entschuldigt ist), denn er weiß, dass er in einer Welt lebt, in der kaum noch jemand eine Tatsache einfach hinnimmt und man einen Konkurrenten mit nichts sicherer in die Irre führt, als mit der Wahrheit selbst:

„Moische! Wohin fährst du?“ „Nach Wien. Ich will mich ein paar Tage erholen.“   „Moische, was soll das? Immer wenn du sagst, du fährst nach Wien, fährst du in Wahrheit nach Prag, um Geschäfte zu machen. Zufällig weiß ich aber, dass du heute wirklich nach Wien fährst. Wozu lügst du also?“

Die nächste Paradoxie steckt im Verhältnis der Größenordnungen, die einen Sachverhalt in sein Gegenteil umschlagen lassen können:

Wenn ein Kaufmann einer Bank eine Million schuldet, hat diese ihn in der Hand; wenn er dagegen 100 Millionen schuldet, hat er die Bank in seiner Hand…

Den doppelten Boden erkennt man in der Geschichte über den religiös ungebildeten Dorfjuden. Der Spott über ihn wird vom Hohn über den allzu gebildeten Spötter übertönt, der lächerlicherweise von einem armen Landjuden die Kenntnis rabbinischer Spitzfindigkeiten erwartet.

Den Gipfel aber nehmen die Witze ein, die jenseits aller Regeln und Gesetze das Heilige aufleuchten lassen, und aus denen man über Glaube und Liebe mehr erfahren kann als aus allen theologischen Bibliotheken.

„Unser Rabbi spricht mit Gott selbst.“ „Das ist doch nicht wahr!“
„Doch. Würde Gott etwa mit einem Lügner sprechen?“  –
Sagt dieser Witz nicht alles über das Phänomen des Glaubens aus?

Die Späße der Juden im Mittelalter sind kaum als spezifisch jüdische Witze zu bezeichnen. Es sind bloß grobe Streiche von Narren und Albernheiten, wie sie die Deutschen den Bürgern von Schilda andichteten. Die Juden erzählten damals ähnliches über die Einwohner des Schtetls Chelm. Man erzählte auch kluge Entscheidungen von Rabbinern – genauer betrachtet sind es die gleichen Geschichten, die sich Orientalen von ihren Kadis erzählten.

Beliebt waren auch Possen von klugen Juden, die einen dummen Nichtjuden hereinlegen – es sind genau die selben Possen, welche sich Nichtjuden mit umgekehrten Vorzeichen erzählten: Dort sind sie es, die den dummen Juden überlisten. Und die gleichen Geschichten erzählen sich die Armenier über Türken, die Polen über Ukrainer und die Ungarn über Roma.

Einzelne Berufsstände  und allgemeine menschliche Fehler werden ebenfalls aufs Korn genommen. Das alles ist jedoch nicht „Jüdischer Witz“ im engeren Sinne. Bestenfalls ist es „Witz der (oder über) Juden“.

Erst die besondere neuzeitliche Situation der Juden in Europa, die nicht mehr die mittelalterliche Naivität und Gottergebenheit besaßen, zwang sie entweder zur Flucht aus dem Judentum, zur Verzweiflung – oder eben zum Witz. Und wirklich sind diese Witze zahlreicher, schlagender und tiefsinniger als die Witze der anderen Völker. Sie weisen ganz andere Variationen auf, als etwa die Schottenwitze. Sie verspotten nur selten einzelne komische Eigenschaften des Menschen, sondern stellen oft die gesamte menschliche Situation mit Schmerz und Bitterkeit in Frage.

Natürlich gibt es daneben auch eine ganze Reihe einfach pointierter Scherze, die nicht die gesamte Tragweite der hier aufgezählten Dimensionen in sich bergen. Denn ist jemand gezwungen, ein Instrument dauernd zu gebrauchen, so kommt er leicht dazu, es fallweise auch zu missbrauchen. Der waffengewohnte Polizist greift manches Mal zu rasch zur Pistole, der witzgewohnte Jude verfällt auf witzige Formulierungen auch dann, wenn die Situation es keineswegs erfordert. Aus dieser Haltung heraus entstanden auch eine Menge Witze ohne viel moralischen Hintergrund.

Schnorrer
Den Juden ist die Wohltätigkeit ein strenges religiöses Gebot (Mizwa). Der Witz nimmt daher nicht den Geiz der Reichen, sondern in erster Linie die Frechheit des Armen aufs Korn, der wie ein Gläubiger auftritt:

Eine jüdische Gemeinde ist so wohlhabend geworden, dass eines Tages niemand mehr da ist, dem man Almosen geben kann. Man bestellt sich einen Schnorrer aus Kasrilewke. Dieser wird mit der Zeit jedoch so frech, dass man ihn zur Bescheidenheit mahnt. Da sagt er drohend: „Ich fahre sofort nach Kasrilewke zurück! Dann könnt ihr zusehen, an wem ihr eure Mizwes erfüllen könnt.“

Militär
Nur auf den ersten Blick sind die vielen Militärwitze, in denen den Juden mangelnder Mut vorgeworfen wird, selbstkritisch. Es wäre falsch, aus diesen Witzen auf die unheroische Haltung der Juden zu schließen. Tatsache ist, dass die Juden stets mit wilder Entschlossenheit gekämpft haben, wenn sie einen Sinn in der Idee gesehen haben. Im Altertum, im ersten Weltkrieg, in der Roten Armee (deren Schöpfer und strategischer Leiter Leo Trotzki übrigens selbst Jude war) und im heutigen Israel kämpften und kämpfen die Juden mit der Tapferkeit der Makkabäer. Sofern man sich es aber richten kann, schlägt man sich nicht freiwillig für Staaten, in denen man rechtlos ist:

Zaristisches Russland. Ein jüdischer Soldat schreibt an seine Eltern über das Rote Kreuz: „Liebe Mame, lieber Tate! Ich bin – Gott sei Dank – in Gefangenschaft, hab mich ergeben, und es geht mir also gut. Schmuel, mein Bruder, liegt im Lazarett. Unsere ganze Mischpoche soll so gesund sein, wie er es ist.“

Berufe
Diese Witze karikieren einen bestimmten Beruf oder professionelle Anomalie. Der Wirt, der Kutscher, der Schneider, der christliche Gutsbesitzer, der Arzt, der Heiratsvermittler und der Melamed (Lehrer für Kleinkinder), der seine Intelligenz immer wieder auf die Stufe eines Rebben zu stellen versucht, sind die wichtigsten Vertreter:

Schüler zum Melamed: „Wie entsteht eigentlich der Regen?“  „Weißt du, die Wolken sind eine Art von riesigen nassen Schwämmen. Wenn sie nun bei Wind aneinander stoßen, dann ist es, wie wenn Schwämme ausgepresst werden, und dann kommt das Wasser heraus.“  „Wirklich? Und könnt Ihr es beweisen?“  „Nu – du siehst doch: es regnet!“

Den größten Raum nehmen wohl Witze aus dem kaufmännischen Milieu ein. Den Juden waren ja Landerwerb und der Zugang zu den meisten Zünften über Jahrhunderte untersagt. Daher beschränkte sich ihr Broterwerb auf kaufmännische
Tätigkeiten und das Verleihen von Geld.

Levy bestellt schriftlich Ware bei Kohn. Kohn schreibt zurück: „Solange Sie die alte Rechnung nicht bezahlt haben, muss ich die Auslieferung Ihrer Bestellung leider zurückhalten.“  Darauf Levy: „Da ich nicht so lange warten kann, muss ich anderweitig bestellen. Streichen Sie meine Order.“

Rabbiner
Abgesehen von den Witzen, die die Naivität der chassidischen Wunderrabbis und deren Anhänger aufs Korn nehmen, stoßt man immer wieder auf Witze, die die rabbinischen Entscheide in Frage stellen.

„Rabbi, ich habe ein Huhn und einen Hahn. Schlachte ich das Huhn, kränkt sich der Hahn. Schlachte ich den Hahn, kränkt sich da Huhn. Welches soll ich nun schlachten?“ Der Rabbi klärt (überlegt, denkt nach) sehr lange und entscheidet: „Schlachte den Hahn!“ „Rabbi! Aber da kränkt sich doch das Huhn!“  „Nu – soll es sich kränken.“

Von der Verulkung der falschen Interpretation oder des falschen Entscheides bis zur Verspottung der Sache selbst ist es beim jüdischen Witz nur ein kleiner Schritt:

Rabbi: „Chaim! Dein Sohn ist ein übler Sünder! Wo er ein Stück Schweinespeck sieht, beißt er hinein. Und wo er ein junges Mädel sieht, küsst er es ab!“  Darauf Chaim: „Oj, Rebbe! Er ist nebbich meschugge!“ „Unsinn! Wenn er den Speck küssen und die Mädel beißen würde, dann wäre er meschugge. So ist er aber ganz normal!“

Heirat und Mitgift
Der Schadchen (Heiratsvermittler) war nicht selten zu seinem eigenen Beruf ironisch und kritisch eingestellt. Die Vernunftehe, aus welchem Grund auch immer eingegangen, war zwar die Grundlage seiner Existenz, aber in vielen Witzen erkennen wir seine ablehnende Einstellung gegenüber dieser Form von „Liebe“. Denn der soziologisch und volkshygienisch wertvolle Verzicht auf die Liebesehe musste oft unweigerlich in reine Mitgiftjagd umschlagen.

„Sie suchen ein reiches Mädchen? Ich habe für Sie eines, das sogar sehr reich ist. Und außerdem ist sie eine echte Schönheit und aus einer feinen Familie. Sie hat nur einen einzigen winzigen Fehler: sie ist ein ganz klein wenig schwanger.“

Der reiche Goldstein genießt einen sehr schlechten Ruf – man sagt ihm viele Betrügereien nach. Eines Tages meldet sich ein Schadchen bei ihm: „Ich habe eine glänzende Partie für Eure Tochter.“ Goldstein: „Der junge Mann gefällt mir nicht.“ „Aber Ihr wisst doch noch gar nichts von ihm!“ „Mir genügt, dass er in meine Familie einheiraten will!“

Antisemitismus
Nicht der wirkliche, sondern der eingebildete Antisemitismus bildet die Grundlage für diese Art von Witzen. Aber der Witz lacht nur am Rande über den paranoiden Juden. Der ganz und gar nicht komische Hintergrund ist die Tatsache, dass Juden wegen der unsinnigsten Verleumdungen und Angriffe eine traumatische Neurose erworben haben. Schließlich leitet ihn das lächerliche Verhalten immer und überall Antisemitismus zu vermuten. Trotzdem können diese Witze sehr lustig sein:

„Schmuel, was hast du im Radiogebäude gemacht?“ „Mi-mi-mich u-um die Sch-sch-stelle des A-a-a-ansagers beworben.“  „Und? Hast du sie bekommen?“   „N-n-nein! Da-das s-sind alles A-a-antisemiten!“

Schöpfung
Der Zweifel an religiösen Tatsachen und an der Richtigkeit der gesamten Weltordnung durchdringt uns bei dieser Art von Witz. Auch Schopenhauer war der Auffassung, dass das Nichts besser gewesen wäre als die Welt, so wie sie ist.

Ein Ingenieur kommt in ein polnisches Städtchen, bestellt beim jüdischen Schneider dort eine Hose. Die Hose wird nicht rechtzeitig fertig und der Ingenieur fährt weg. Jahre später kommt er wieder hin – da bringt ihm der Schneider die Hose. Ingenieur: „Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, und Sie brauchen sieben Jahre für eine Hose!“ Der Schneider streicht zärtlich über die Hose: „Ja. Aber schauen Sie sich an die Welt – und schauen Sie sich an diese Hose!“

  • Der jüdische Witz, Soziologie und Sammlung. Walter Verlag, 13. Auflage 1988
  • Jüdische Witze. Dtv München 1963
  • Jüdische Anekdoten und Sprichwörter. Dtv München 1965
  • Als sie noch lachten. Das war der jüdische Witz. Herbig Verlag 1997
  • Chassidische Geschichten. Fourier Verlag 1996
  • Oj, bin ich gescheit. Löcker Verlag 1996
Moderation - Jüdischer Humor - Roman Grinberg
Roman Grinberg Solist Humor ©Josef Polleross
Roman Grinberg Istanbul Klezmer

Jiddisch

Die Verkehrssprache der osteuropäischen Juden und eine wichtige deutsche Nebensprache. Entstanden vermutlich im 12. Jahrhundert. Wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben. Enthält germanische Elemente (vor allem Mitteldeutsch, Bairisch) als überwiegenden Bestandteil, semitische Elemente (Hebräisch, Aramäisch) und slawische Elemente (Polnisch, Weißrussisch, Ukrainisch).

Durch gemeinsame Schicksale und gegenseitige Beziehungen der jüdischen Gemeinden ist die Sprache weitgehend einheitlich gestaltet. Wichtig sind besonders die U-Dialekte als Grundlage der jiddischen Schriftsprache Südosteuropas und die zweite Hauptmundart, der nördliche, litauische O-Dialekt.

Durch Auswanderungen, besonders nach Amerika, weit verbreitet. 1938 von etwa zwölf Millionen Menschen gesprochen, heute noch von ca. 6 Millionen verstanden und von rund 0,7 Millionen gesprochen.