Jiddisch - die Mameloschn
Eine Sprache, ihr historischer und kultureller Hintergrund
Zusammenfassung und Abwandlung der Vortragsreihe von Chaim Frank

 

ALLGEMEINES

Wenn man heute über Jiddisch spricht, so muss man zu Beginn vorausschicken, dass die Sprache der Juden nicht - wie es vielleicht viele vermuten dürften - das Jiddisch oder auch das Ladino war. Die Sprache der Juden war und ist bis heute: das Hebräische. Erst durch das Diaspora-Dasein, d.h. durch die Vertreibung und die Verschleppung der Israeliten aus ihrem Staat in ferne Länder, begannen die Juden sich in der Sprache ihrer Niederlassungen zu verständigen. Hebräisch - nun als religiöse Ausdrucksform, als "Laschon Ha'Kodesch" (= die heilige Sprache), diente fortan im kultischen und synagogalen Bereich.

Die Juden der Diaspora werden in zwei Hauptgruppen geteilt: ASCHKENASIM (die nord- und osteuropäischen Juden) und S'FARDIM (die spanischen und orientalischen Juden). Sie unterscheiden sich in ihren Lebensgewohnheiten, auch im Ritus und teilweise sogar heute noch in ihrer Feiertags-Kleidung. Ein besonderer Unterschied liegt jedoch in ihrer exilischen Umgangs-Sprache. So entstand bei den Aschkenasim das Jiddisch; und bei den S'fardim bildete sich das Ladino, welches wie auch das Jiddische eine Mischsprache ist. (Ladino besteht aus alt-spanischen, arabischen und hebräisch-aramäischen Elementen).

Die Bezeichnung 'JIDDISCH' hat sich in Deutschland erst seit rund hundert Jahren eingebürgert, wo man bis dahin von 'Jüdisch' und 'Juden-Deutsch' sprach. Die Juden selbst verwendeten die Ausdrücke: 'Taitsch', 'Jiddisch' oder einfach nur die 'Mameloschn' - die 'Mutter-Sprache'.

Sprach-Historisch widerfuhren dem Jiddischen drei Entwicklungsstufen nämlich: 'Altjiddisch', 'Mitteljiddisch' und 'Neujiddisch'.


 

 

ALTJIDDISCH
Die Anfänge dieser Misch-Sprache sind nicht eindeutig geklärt. Sicherlich liegen sie im Zusammenhang mit der Niederlassung der Juden in Deutschland. Das Alter der Sprache ist dem gemäß mit fast 1000 Jahren anzusetzen. In dem Übergang von der Ur- zur Altjiddischen Periode machte sie die Entwicklung vom Mittel- zum Früh-Neuhochdeutschen mit, gestaltete sich aber immer selbständiger aus. Das älteste uns bekannte jiddische Sprachdokument stammt aus dem Jahr 1272/73. Es ist der WORMSER MACHSOR, wo innerhalb eines hebräischen Textes ein jiddischer Segensspruch eingefügt ist: "gut tak im betage se wer dis machasor in beß ha'kneßeß trage!" (Ein guter Tag sei dem beschieden, der diesen Machsor in die Synagoge trage.)

Hier finden wir also bereits zwei wesentliche Grundsätze: 1.) der jiddische Vers ist in hebräischer Schrift geschrieben; und 2.) die religiösen Begriffe "machasor" und "beß ha'kneßeß" (die Synagoge) bleiben in der hebräischen Original-Form stehen. Dieser aelteste Beleg beweist uns also eindeutig, daß es sich beim Jiddischen von Anfang an um eine Komponenten-Sprache handelt. Jiddisch ist eine Misch-Sprache, die aus einem mittel- bzw. frühneu-hochdeutschem Grundelement besteht, welchem vom Anfang hebräisch-aramäische, und erst wesentlich später auch slawische Elemente hinzugefügt wurden.


 

 

MITTELJIDDISCH
Das "Mitteljiddisch", welches S. Birnbaum in die Zeit von 1450 bis etwa 1650 ansetzt, besaß zum Unterschied zum "Alt-Jiddisch" bereits eine Selbständigkeit nicht nur als Sprache, sondern auch in seiner Schrift. Aus der Periode des "Mitteljiddisch" ist uns naturgemäß wesentlich mehr als aus dem "Mitteljiddisch" erhalten geblieben. Die Autoren griffen zunächst auf die "klassischen" Themen zurück (also auf geistliche, biblische Stoffe) und versuchten den Leser von den vielgescholtenen "törichten Bychern" abzubringen. Überaus beliebt was das "BOVO MA'ASSE" (Bovo-Buch) des aus Neustadt stammenden Elia LEVITA-BOCHER (1469-1549). Seine 650 Strophen umfassende Dichtung, war jedoch keineswegs rein religiös, sondern richtete sich mit einer gewissen Ironie und spöttischem Unterton gegen die frühere Ritter-Welt.

Neben den wenigen Dingen, die die Juden während der Verfolgung und ihrer Flucht aus Deutschland, Österreich, aus Böhmen und Mähren mitnehmen konnten, war auch ihre Sprache, das Jiddisch. Die religiösen Gelehrten verstanden und schrieben daneben natürlich auch Hebräisch. Die Händler und Handwerker, die sich ja mit ihrem neuen Klientel zu verständigen hatten, erlernten allmählich die Sprache ihrer neuen Niederlassung und nahmen selbstverständlich Grundbegriffe auch in ihrem "Tajtsch" auf. Dabei verarmte durch die Isolierung vom deutschen Sprachraum der deutsche Wortschatz; immer mehr slawische, litauische, hebräische und aramäische Begriffe floßen ein. Damit entsickelte sich Jiddisch zu einer echten Volkssprache. Allerdings steht es für die Sprachwissenschafter eindeutig fest, dass sich hier die jiddische Sprache grundsätzlich in zwei Dialekte - Ost- und Westjiddisch spaltete.

Das West-Jiddisch blieb zwar bestehen, wurde bei der Vertreibung der Juden unter anderem nach Elsass, Frankreich und Oberitalien getragen und erlebte in Deutschland und Österreich - so, wie die deutsche Sprache selbst - größere Reformen und endete schließlich in einer assimilierten Verstummung. Das Ost-Jiddisch hingegen, das zur Hauptsprache der Juden im gesamten osteuropäischen Raum wurde, erreichte im Verlauf der Zeit anhand verschiedener Entwicklungen die Stufe einer vollausgebildeten Schriftsprache; das allerdings erst seit dem frühen 19. Jahrhundert.


 

 

OSTJIDDISCH
Das Ostjiddisch verteilte sich regional in nord-östliches, süd-östliches und zentral-östliches Jiddisch auf. Das Zentral-Ost Jiddisch erstreckt sich über die Region von Polen über Karpathorussland und Ukraine hinunter bis zur Krim; das Nord-Ost Jiddisch erfaßt die Pribaltischen Länder (Estland, Lettland und Litauen) sowie einen Teil Belo-Russland (bis etwa zum Pripjat-Fluss); und das Süd-Ost Jiddisch verläuft, als kleinerer Bereich, von der Bukowina, über Rumänien und Bessarabien hinunter in Richtung nach Odessa. Die wesentlichen Unterschiedsmerkmale machen sich, abgesehen von den slawischen Elementen, vor allem im "O" und "U", sowie im "AJ", "EJ" und "OI"-Vokalismus der Dialekte bemerkbar. (Sie zeigen aber keine Wirkung auf die Orthographie der jiddischen Schrift-Sprache!)


 

 

DER CHASSIDISMUS
Die Kriege zwischen den Jahren 1648 - 1717 verursachten den tragischen Niedergang der Schtetln und Städte. Die Zahl der Toten jener Jahre wird auf rund 700 Tausend Menschen berechnet, in der auch die Schätz-Zahl von etwa 150.000 Juden enthalten ist. Während der zunehmenden allgemeinen Verarmung, entstand - sozusagen aus der Not heraus - eine neue jüdisch-mystische Bewegung: Es begann in der Schtetl-Welt - wie ein Fieber religiöser Begeisterung - der CHASSIDISMUS. Er entstand im 18.Jahrhundert in Podolien (Südwest-Ukraine) und setzte sich sehr bald in Polen, Galizien, Böhmen, Rumänien und in andere osteuropäischen Ländern durch. Gerade in den verarmten Bewohnern der Schtetls fand er seine Anhänger. Die Bewegung entwuchs aus einer tiefen Sehnsucht, bei der die Menschen das wesentliche Gefühl genießen wollten, "G'Tes-Geschöpfe" zu sein. Beim innigen Gebet wollte und sollte man die Mühen des täglichen Lebens vergessen. Ihr Motto war: "Wer die Traurigkeit und Sorgen über sich gewinnen läßt, der errichtet eine Barriere zwischen sich und seinem G'T; ...und, wer gesündigt hat kann jederzeit umkehren; ewiges Lamentieren oder schlechtes Gewissen hindern den Menschen geradezu daran sein Leben hinkünftig besser zu gestalten".

Ein wesentliches Merkmal des Chassidismus war die Aufhebung religiöser Wertunterschiede zwischen rabbinischen Funktionären, Gelehrten und dem einfachen Volk. Jeder Fromme, egal welchen Standes, konnte - mittels seiner aufrichtigen Glaubenskraft - die Stufe eines Zaddiks, eines Gerechten, erreichen. Einer von vielen berühmten chassidischen Meister war der Rabbi NACHMAN von Braslav, ein Urenkel des berühmten Ba'al SchemTov, der vor allem durch seine wunderlichen, allegorischen Geschichten bekannt geworden ist. Martin Buber nannte ihn "den einzigen jüdischen Märchendichter". Heir ein kurzer Abschnitt aus einem Text, den Nachman's Schüler Nathan ben Naftali Herz im Jahre 1800 niederschrieb (in Süd-ost-Jiddisch):

"Es is faranen a barg, un af dem barg schtejt a schtejn, un fun dem schtejn gejt a kwal. Un itleche sach hot a harz, un di welt inganzn hot oich a harz. Un dos harz fun der welt is a ganze kuime mit a punem un mit hent un fiss. Un der barg mit dem kwal schtejt in ejn ek fun der welt. Un dos harz fun der welt schtejt in dem andern ek fun der welt. Un dos harz schtejt akegn dem kwal un glusst un benkt tomed sejer, as es sol kumen zu dem kwal. Un as dos harz sol chas-veschulem oiß gejn, wolt gur di welt churev geworn, wurn doß harz is oich doß chaie fun itlecher sach, in wi kon die welt a kiem hubn on dem harz?" (Der Rabbi stellt sich vor, daß alles auf der Welt ein Lebewesen ist. Denn selbst ein Berg und auch etliche andere Sachen, haben ein Herz, die sich sogar nach einander sehnen. Und wenn - G'T behüte - das Herz erlöschen sollte, werde die Welt in Trümmern gehen...).

Solche Anschauungen, die im 18. Jahrhundert natürlich weit verbreitet waren, berühren uns auch heute noch durch ihre fromme, fast kindliche Naivität. In dieser Zeit jedoch traten die Maskilim, die Aufklärer, vehement gegen alles - wie sie es bezeichneten - "Rückständige" auf. Einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung in Deutschland, war der Philosoph Moses MENDELSSOHN. Vor allem graute es ihm vor dem "Jargon" - der Sprache der Ostjuden.


 

 

GESCHICHTLICHES
Nun ein Blick in die Geschichte. Im 18. Jahrhundert wurde die politische Aufteilung Polens vollzogen. Mit dieser ist nun die bis dahin gewissermaßen homogene jüdische Lebenswelt gleichfalls in drei Teile aufgeteilt worden.

Die Juden, die den Preussen zufielen, wurden unter Friedrich II. mehr-oder-weniger "assimiliert". D.h. durch die allgemeine Schul- und Wehrpflicht wurde nicht nur die Assimilation beschleunigt, sondern gleichzeitig versucht, den Juden von seiner religiösen Tradition auch innerlich zu distanzieren. Folgedessen galt nun der preussisch gewordene Jude für die übrigen Ostjuden, als "Teitscher" und schlimmer noch als "Golech" als Rasierter, weil er neben dem traditionellen Bart auch andere jüdische Gewohnheiten ablegte.

Auch die Entwicklung in Galizien, das nun Österreich zufiel, und wo auch ein reichhaltiges Schtetl-Leben zu finden war, verlief nicht sehr glücklich. Es zeigte sich hier alsbald der herabwürdigende Umgang der Habsburger gegenüber ihren neu hinzu gewonnenen Untertanen verschiedenster Volksgruppen. Zum einen wurde unter MARIA THERESIA die alte Autonomie der Juden weitgehend eingeschränkt, und anderseits trug auch ihr Nachfolger so gut wie nichts zur Hebung des Lebensstandards bei. Kaiser JOSEPH II. gab gleich zu Beginn seiner Regentschaft einen Erlass heraus, der die Juden zwang bürgerliche Namen anzunehmen. Gerade in diese von "treuen" Beamten vollzogenen Maßnahmen zeigte sich die ganze Willkür und Verachtung der Habsburger gegenüber ihren Juden, was sich offenkundig in der Vergabe von Ekel- und Spottnamen bemerkbar machte. Die galizischen Juden, die dem österreichischen Staat zugefallen waren, auch wenn ihnen ab 1870 die Emanzipation zuerkannt wurde, erlangten erst viel später den Weg in die tatsächliche  Freiheit. Unter solchen Umständen war es verständlich, dass viele Juden die Revolution von 1848 mit Freuden aufnahmen.

Das eigentliche Gros der Ostjuden, die in der typische Schtetl-Welt lebten, fielen an das russische Zarenreich. Die nun zu Westprovinzen gemachten Länder - das war das restliche Polen, Litauen, die Ukraine, Podolien und Bessarabien - wurden für die Juden als TCHUM-Gebiet, als sogenanntes "erlaubtes Ansiedlungsgebiet" bestätigt. Die Einreise ins zentrale Zarenreich, mit seinen damals noch ungenutzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, blieb für Juden - mit wenigen Ausnahmen - bis ins 19. Jahrhundert verwehrt. Die russische Verfassung, die den Juden noch nie wohlgesinnt war, versuchte ihre neuen Bevölkerungsgruppen in ihr zaristisch-bürgerliches System einzubinden und hob gleichzeitig damit die bis dahin existierende jüdische Kulturautonomie auf. Abgesehen von vielen judenfeindlichen Verordnungen, kam auch noch unter Zar NIKOLAI I. Pavlowitsch (1796-1855) die Zwangsrekrutierung hinzu, und zwar für 12-jährige Knaben, für die Dauer von 25 Jahren. Das Ziel war, die männlichen Juden noch vor der Bar Mizwah von ihrem Glauben abzubringen. Erst unter Zar Alexander II. Nikolajewitsch (1818-1881) schien es, als würde sich eine leichte Verbesserung abzeichnen, indem er den strengen Ukas (Weisung) seines Vorgängers teilweise aufhob bzw. zurücknahm. Doch gleich nach seiner Ermordung, im Jahre 1881, kam es wieder zu blutigen Pogromen, da man die Juden für das Attentat verantwortlich machte. Die Revolutionäre sahen in diesen mörderischen Ausschreitungen das Zeichen einer ''Volks-Gaehrung'', und die zaristischen Beamten schürten ihrerseits die Pogrome quasi als Ventil, jenes Dampfes, der sich sonst womöglich gegen sie richten könnte. An diesem makabren 'Spiel' war auch der bekannte russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewsij (1821-1881) beteiligt, der mittels seiner seit 1845 bis zu seinem Tode verfassten Schriften "Tagebuch eines Schriftstellers", provokant kräftig an diesem Antijudaismus mitschürte.


 

 

NEUJIDDISCH
Auch innerhalb des Ostjudentums erhielt die Aufklärung allmählich größere Beachtung. Die Belehrung richtete sich inzwischen nicht gegen den "Jargon", sondern erfolgte ab 1750 gerade mittels der jiddischen Sprache (dem "Neujiddisch"), und zwar in Form von Erzählungen, Romanen, Dramen und aufklärerischen Schriften.

Der Einbruch der Moderne in die ostjüdische Lebenswelt begann spät, dafür jedoch wirkungsvoller. Bald erschienen die ersten aufklärerischen jiddisch-sprachigen Zeitungen. Von großer Bedeutung war die zwischen 1863 bis 1872 in Odessa herausgegebene Wochenzeitung "Kol MeWasser" (Stimme des Boten), in der Autoren wie Israel AKSENFELD (1787-1866), Salomon ETTINGER (1799-1855), Abraham Baer GOTTLOBER (1810-1899), der geniale Mendele MOCHER SFORIM (eig. Scholem Jakob Abramowitsch, 1835-1917), oder Jizchok LINECKY (1839-1915) und Abraham GOLDFADEN (1840-1908) erstmals an die Öffentlichkeit traten. 


 

 

DAS JIDDISCHE THEATER
Abraham Goldfaden, der mit seinen Operetten, Komödien und Dramen enorme Erfolge hatte, ist zugleich der Schöpfer des "Jiddischen Theaters". 1877 legte er in Jassy den Grundstein für die erste
"Jiddische Bühne". Und ihre Erfolge in Rumänien, in Polen, in Deutschland und schließlich in Amerika wurde unaufhaltsam. Es bildeten sich viele jiddische Theatertruppen, die in den folgenden 50 Jahren unzählige Gastvorstellungen gaben. Unter den großartigen Darstellern des "alten jiddischen Theaters" ragten vor allem Jakob ADLER, David KESLER, Boris THOMASCHEWSKY und der legendäre Komiker MOGULESKU hervor. War Goldfaden der Begründer des jiddischen Theaters, so galt Jakob GORDIN (1853-1909 in Amerika als Neuerer der jüdischen Bühne. Mit seinen Stücken "Die Freiheit", "Mirele Efros", "Jiddischen Kenig Lear" und  "G'T, Mensch und Teufel" mit denen er sich an die klassische Literatur anlehnte, hatte Jakob Gordin nicht nur riesige Erfolge - als Theaterleiter in New York führte er das Jiddische Theater zu einem bis dahin noch nicht dagewesenen Höhepunkt. 


 

 

DIE JIDDISCHE LITERATUR
Für die jiddische Literaturgeschichte bilden Izchak Lejb PEREZ (1851-1915), SCHOLEM-ALEJCHEM (1859-1916) und Mendele MOJCHER SFORIM das "Dreigestirn der jiddischen Klassik". Mit ihren Theaterstücken, Romanen und Erzählungen, die oft einen aufklärerischen Charakter besaßen, erlangten sie (sogar außerhalb des Judentums) - Weltruhm. Diese drei Schriftsteller gelten gleichzeitig als "Erneuerer" und "Klassiker" der jiddischen Literatur, denen außerdem eine enorme Erweiterung des jiddischen Wortschatzes zu verdanken ist.


 

 

JIDDISCH UND DEUTSCH, EIN AUSTAUSCH
Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht zu erwähnen, dass Jiddisch nicht nur eine "empfangende", also aufnehmende Sprache war, sondern dass sie selbst gewisse Einflüsse auch auf andere Sprachen, wie Deutsch oder Polnisch ausübte (zumindest auf deren Mundarten). Das "Rotwelsch" oder auch die "Gaunersprache", die sich aus dem älteren Jiddisch herleitet, wurde ihr Transporteur. Beispielsweise das Wort "Schmiere stehen": es kommt aus dem Hebräischen "schmira" (Wache - stehen); oder "Pleite" machen (a.d.hebr: plejta = Flucht); "Moos" (a.d.hebr: ma'oth = kleine Münzen); auch "großkotzig" stammt aus dem jidd. "kozn" (a.d.hebr: katzin = Richter/ Fürst); der "gutbetuchte"' stammt aus hebr. 'betuach' (=sicher); "Beisl" aus hebr. "beth" (=Haus); auch das ''Kaff'' kommt aus dem Hebräischen ("kfar" = Dorf); oder "Hals und Beinbruch" das stammt aus dem hebräischen Glückwunsch: "hazlacha" (Erfolg) und "bracha" (Segen). Weitere Beispiele sind "Knast" (Knas, hebr. Strafe), "dufte" (tow, hebr. gut), "Meshugge" (meshugah, hebr. verrückt), "Mischpoche" (hebr. Mischpachah, Familie), "Maloche" (Malacha, hebr. Arbeit, Werk), "eine Macke haben" (Maka, hebr. Schlag)...


 

 

DIE JIDDISCHE SCHRIFT
Das Jiddisch wird mit dem hebräischen Alphabet geschrieben, also von rechts nach links und besitzt ebenfalls 22 Buchstaben. In manchen Büchern steht geschrieben: "Hebräisch habe keine Vokale". Das ist natürlich nicht richtig, denn es gibt sehr wohl Vokale. Außerdem verfügt das Hebräisch - wie man es in religiösen Büchern sehen kann - über eine "Punktion", die ebenfalls Vokale ergibt. Im Jiddischen werden außer "Patach" und "Kamaz" (das sind Zeichen unter dem A(lef) keine Punktationen gesetzt, da es ja Vokal-Buchstaben gibt: Für "A" steht das A(lef) aus dem man mittels dem "Patach" ein A, bzw. mit dem "Kamaz" ein O erzeugen kann; das "E" wird mit dem hebräischen E(in) geschrieben; das "I" wird mit dem J(ud) geschrieben und die Kombination "Ji", "Ej" oder "Aj" in Form von einem doppelten J(ud) dargestellt. Wie im Hebraeischen auch übernimmt das W(av), wenn es innerhalb eines Wortes steht, mit einem linksstehenden Punkt den Buchstaben "U". Wenn der Punkt über dem W(av) steht, wird daraus der Vokal "O".


 

 

DIE ORTHOGRAPHIE
Altjiddisch und Mitteljiddisch waren in ihrer Orthographie anfangs nur phonetisch, d.h. man schrieb nach Gehör. Die Texte waren daher nicht einheitlich geschrieben. Zwar wurde bereits seit dem 17.Jahrhundert begonnen, verschiedene "Wörterbücher" zu drucken, aber die eigentliche Bestimmung der "Rechtschreibung" erfolgte erst Ende des 19. Jahrhunderts.


 

 

POLITISCHE ENTWICKLUNG
Nun zur politischen Geschichte und ihrer Auswirkung auf die jiddische Sprache.

Mit dem Aufkommen des national gesteuerten Antisemitismus und den Pogromwellen, die seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Osteuropa tobten, politisierten sich gleichfalls die bis dahin eher unpolitisch gewesenen Juden. Innerhalb des Judentums entstanden einerseits zionistische, aber auch religiös-orthodoxe und anderseits universell-politische, dem Sozialismus nahestehende Bewegungen. Grob gesehen standen sich also drei Lager gegenüber: die Orthodoxen mit der Bestrebung einer Kulturautonomie, die zionistischen Parteien, mit einer unterschiedlich religiösen und sprachlichen Bindung, und eine weitere Parteien-Gruppe, mit stark links gerichteten Tendenzen, mit eindeutiger enger Bindung an die Jiddische Sprache, welche die beiden anderen Richtungen z.T. bekämpfte.

Fast zeitgleich mit dem ersten Zionisten-Kongress in Basel (29.-31.Aug. 1897) entstand 1897 auf der Konferenz in Wilna aus der Vereinigung der jüdisch-sozialistischen Gruppen die einheitliche Partei der "BUND". Die "Bundisten" waren Anhänger des Gedankens der national-kulturellen Autonomie und damit Vorkämpfer der Jiddischen Sprache - versteht sich - als "Nationalsprache". Ein - auch historisch gesehen - wesentlicher Schritt in diese Richtung erfolgte 1908 in Czernowitz, wo Nathan Birnbaum die selbst heute noch als bedeutend geltende "CZERNOWITZER SPRACHKONFERENZ" einberief. An ihr nahmen, neben Vertretern verschiedener politischer Richtungen, so berühmte Schriftsteller, wie Scholem ASCH, David NOMBERG, Jizchak Leib PEREZ, Abraham REISEN und Chaim SCHITLOVSKI teil. Geradezu einstimmig wurde an dieser Konferenz das Jiddisch als Nationalsprache der Juden anerkannt. Das Ergebnis kam nicht nur dem jüdischen Schulwesen in Osteuropa und Amerika zugute, sondern beflügelte gleichzeitig die jiddische Literatur, das Theater aber auch die Klesmorim (die Musiker).  


 

 

SCHLUSSWORT
Es steht jedenfalls fest, dass die MAME-LOSCHN, unser Jiddisch, eine echte Weltsprache war, die bis zum Ausbruch des II. Weltkrieg von rund 12 Mill. Menschen in Wort und Schrift gebraucht, verstanden und aktiv belebt wurde. Diesen Stellenwert kann und wird das Jiddisch wohl nie wieder erreichen. Zu groß ist der Schaden, der ihr in der Nazizeit zugefügt wurde. Heute verstehen diese Sprache nur noch etwa 6 Mill. Menschen. Gesprochen wird sie allerdings nunmehr von etwa 700.000 (großteils älteren) Menschen - und das verstreut auf der ganzen Welt. Um aber eine Sprache aktiv zu beleben und zu verbreiten bedarf es vieler Generationen. Auch wenn heute vielerorts eine kleine Renaissance zu bemerken ist und einige jiddische Zeitungen existieren, so wird es vermutlich bald keinen mehr geben, der tatsächlich noch die "Mame-Loschn" als wirkliche Umgangssprache, von der Mame gelernt, spricht. Abgesehen vielleicht von den Chassidim, den orthodoxen Juden, die in der Jeschiwa mit einem ins Iwrith verdrehten Jiddisch diskutieren.

Aus der alten "Mame-Loschn", die man nicht mehr Zuhause lernt, sondern das Wissen an einer Universität erwerben muss, ist heute ein unpersönlicher Studien- und Freizeit-Spaß geworden. In einer unikalen, bis hin zur Charakterlosigkeit "gestylten" Sprachform erlernt man heute das Jiddisch - oder was die Philologen davon noch übrig ließen - beispielsweise an den Universitäten in Oxford, in Jerusalem, in Amerika und seit einiger Zeit auch in Deutschland und Österreich.