|
Eine Sprache, ihr historischer und kultureller Hintergrund Zusammenfassung und Abwandlung der Vortragsreihe von Chaim Frank |
|
|
ALLGEMEINES Wenn man heute über Jiddisch spricht, so muss man zu
Beginn vorausschicken, dass die Sprache der Juden nicht - wie es vielleicht
viele vermuten dürften - das Jiddisch oder auch das Ladino war. Die Sprache der
Juden war und ist bis heute: das Hebräische. Erst durch das Diaspora-Dasein,
d.h. durch die Vertreibung und die Verschleppung der Israeliten aus ihrem Staat
in ferne Länder, begannen die Juden sich in der Sprache ihrer Niederlassungen
zu verständigen. Hebräisch - nun als religiöse Ausdrucksform, als "Laschon
Ha'Kodesch" (= die heilige Sprache), diente fortan im kultischen und
synagogalen Bereich. Die Juden der Diaspora werden in zwei Hauptgruppen
geteilt: ASCHKENASIM (die nord- und osteuropäischen Juden) und S'FARDIM (die
spanischen und orientalischen Juden). Sie unterscheiden sich in ihren
Lebensgewohnheiten, auch im Ritus und teilweise sogar heute noch in ihrer
Feiertags-Kleidung. Ein besonderer Unterschied liegt jedoch in ihrer exilischen
Umgangs-Sprache. So entstand bei den Aschkenasim das Jiddisch; und bei den
S'fardim bildete sich das Ladino, welches wie auch das Jiddische eine
Mischsprache ist. (Ladino besteht aus alt-spanischen, arabischen und hebräisch-aramäischen
Elementen). Die Bezeichnung 'JIDDISCH' hat sich in Deutschland erst
seit rund hundert Jahren eingebürgert, wo man bis dahin von 'Jüdisch' und
'Juden-Deutsch' sprach. Die Juden selbst verwendeten die Ausdrücke: 'Taitsch',
'Jiddisch' oder einfach nur die 'Mameloschn' - die 'Mutter-Sprache'. Sprach-Historisch widerfuhren dem Jiddischen drei
Entwicklungsstufen nämlich: 'Altjiddisch', 'Mitteljiddisch' und 'Neujiddisch'. |
|
|
|
ALTJIDDISCH Hier finden wir also bereits zwei wesentliche Grundsätze:
1.) der jiddische Vers ist in hebräischer Schrift geschrieben; und 2.) die
religiösen Begriffe "machasor" und "beß ha'kneßeß" (die
Synagoge) bleiben in der hebräischen Original-Form stehen. Dieser aelteste
Beleg beweist uns also eindeutig, daß es sich beim Jiddischen von Anfang an um
eine Komponenten-Sprache handelt. Jiddisch ist eine Misch-Sprache, die aus einem
mittel- bzw. frühneu-hochdeutschem Grundelement besteht, welchem vom Anfang
hebräisch-aramäische, und erst wesentlich später auch slawische Elemente
hinzugefügt wurden. |
|
|
|
MITTELJIDDISCH Neben den wenigen Dingen, die die Juden während der
Verfolgung und ihrer Flucht aus Deutschland, Österreich, aus Böhmen und Mähren
mitnehmen konnten, war auch ihre Sprache, das Jiddisch. Die religiösen
Gelehrten verstanden und schrieben daneben natürlich auch Hebräisch. Die Händler
und Handwerker, die sich ja mit ihrem neuen Klientel zu verständigen hatten,
erlernten allmählich die Sprache ihrer neuen Niederlassung und nahmen
selbstverständlich Grundbegriffe auch in ihrem "Tajtsch" auf. Dabei
verarmte durch die Isolierung vom deutschen Sprachraum der deutsche Wortschatz;
immer mehr slawische, litauische, hebräische und aramäische Begriffe floßen
ein. Damit entsickelte sich Jiddisch zu einer echten Volkssprache. Allerdings
steht es für die Sprachwissenschafter eindeutig fest, dass sich hier die
jiddische Sprache grundsätzlich in zwei Dialekte - Ost- und Westjiddisch
spaltete. Das West-Jiddisch blieb zwar bestehen, wurde bei der
Vertreibung der Juden unter anderem nach Elsass, Frankreich und Oberitalien
getragen und erlebte in Deutschland und Österreich - so, wie die deutsche
Sprache selbst - größere Reformen und endete schließlich in einer
assimilierten Verstummung. Das Ost-Jiddisch hingegen, das zur Hauptsprache der
Juden im gesamten osteuropäischen Raum wurde, erreichte im Verlauf der Zeit
anhand verschiedener Entwicklungen die Stufe einer vollausgebildeten
Schriftsprache; das allerdings erst seit dem frühen 19. Jahrhundert. |
|
|
|
OSTJIDDISCH |
|
|
|
DER
CHASSIDISMUS Ein wesentliches Merkmal des Chassidismus war die
Aufhebung religiöser Wertunterschiede zwischen rabbinischen Funktionären,
Gelehrten und dem einfachen Volk. Jeder Fromme, egal welchen Standes, konnte -
mittels seiner aufrichtigen Glaubenskraft - die Stufe eines Zaddiks, eines
Gerechten, erreichen. Einer von vielen berühmten chassidischen Meister war der
Rabbi NACHMAN von Braslav, ein Urenkel des berühmten Ba'al SchemTov, der vor
allem durch seine wunderlichen, allegorischen Geschichten bekannt geworden ist.
Martin Buber nannte ihn "den einzigen jüdischen Märchendichter".
Heir ein kurzer Abschnitt aus einem Text, den Nachman's Schüler Nathan ben
Naftali Herz im Jahre 1800 niederschrieb (in Süd-ost-Jiddisch): "Es is faranen a barg, un af dem barg schtejt a
schtejn, un fun dem schtejn gejt a kwal. Un itleche sach hot a harz, un di welt
inganzn hot oich a harz. Un dos harz fun der welt is a ganze kuime mit a punem
un mit hent un fiss. Un der barg mit dem kwal schtejt in ejn ek fun der welt. Un
dos harz fun der welt schtejt in dem andern ek fun der welt. Un dos harz schtejt
akegn dem kwal un glusst un benkt tomed sejer, as es sol kumen zu dem kwal. Un
as dos harz sol chas-veschulem oiß gejn, wolt gur di welt churev geworn, wurn
doß harz is oich doß chaie fun itlecher sach, in wi kon die welt a kiem hubn
on dem harz?" (Der Rabbi stellt sich vor, daß alles auf der Welt ein
Lebewesen ist. Denn selbst ein Berg und auch etliche andere Sachen, haben ein
Herz, die sich sogar nach einander sehnen. Und wenn - G'T behüte - das Herz erlöschen
sollte, werde die Welt in Trümmern gehen...). Solche Anschauungen, die im 18. Jahrhundert natürlich
weit verbreitet waren, berühren uns auch heute noch durch ihre fromme, fast
kindliche Naivität. In dieser Zeit jedoch traten die Maskilim, die Aufklärer,
vehement gegen alles - wie sie es bezeichneten - "Rückständige" auf.
Einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung in Deutschland, war der
Philosoph Moses MENDELSSOHN. Vor allem graute es ihm vor dem "Jargon"
- der Sprache der Ostjuden. |
|
|
|
GESCHICHTLICHES Die Juden, die den Preussen zufielen, wurden unter
Friedrich II. mehr-oder-weniger "assimiliert". D.h. durch die
allgemeine Schul- und Wehrpflicht wurde nicht nur die Assimilation beschleunigt,
sondern gleichzeitig versucht, den Juden von seiner religiösen Tradition auch
innerlich zu distanzieren. Folgedessen galt nun der preussisch gewordene Jude für
die übrigen Ostjuden, als "Teitscher" und schlimmer noch als "Golech"
als Rasierter, weil er neben dem traditionellen Bart auch andere jüdische
Gewohnheiten ablegte. Auch die Entwicklung in Galizien, das nun Österreich
zufiel, und wo auch ein reichhaltiges Schtetl-Leben zu finden war, verlief nicht
sehr glücklich. Es zeigte sich hier alsbald der herabwürdigende Umgang der
Habsburger gegenüber ihren neu hinzu gewonnenen Untertanen verschiedenster
Volksgruppen. Zum einen wurde unter MARIA THERESIA die alte Autonomie der Juden
weitgehend eingeschränkt, und anderseits trug auch ihr Nachfolger so gut wie
nichts zur Hebung des Lebensstandards bei. Kaiser JOSEPH II. gab gleich zu
Beginn seiner Regentschaft einen Erlass heraus, der die Juden zwang bürgerliche
Namen anzunehmen. Gerade in diese von "treuen" Beamten vollzogenen Maßnahmen
zeigte sich die ganze Willkür und Verachtung der Habsburger gegenüber ihren
Juden, was sich offenkundig in der Vergabe von Ekel- und Spottnamen bemerkbar
machte. Die galizischen Juden, die dem österreichischen Staat zugefallen waren,
auch wenn ihnen ab 1870 die Emanzipation zuerkannt wurde, erlangten erst viel später
den Weg in die tatsächliche Freiheit.
Unter solchen Umständen war es verständlich, dass viele Juden die Revolution
von 1848 mit Freuden aufnahmen. Das eigentliche Gros der Ostjuden, die in der typische Schtetl-Welt lebten, fielen an das russische Zarenreich. Die nun zu Westprovinzen gemachten Länder - das war das restliche Polen, Litauen, die Ukraine, Podolien und Bessarabien - wurden für die Juden als TCHUM-Gebiet, als sogenanntes "erlaubtes Ansiedlungsgebiet" bestätigt. Die Einreise ins zentrale Zarenreich, mit seinen damals noch ungenutzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, blieb für Juden - mit wenigen Ausnahmen - bis ins 19. Jahrhundert verwehrt. Die russische Verfassung, die den Juden noch nie wohlgesinnt war, versuchte ihre neuen Bevölkerungsgruppen in ihr zaristisch-bürgerliches System einzubinden und hob gleichzeitig damit die bis dahin existierende jüdische Kulturautonomie auf. Abgesehen von vielen judenfeindlichen Verordnungen, kam auch noch unter Zar NIKOLAI I. Pavlowitsch (1796-1855) die Zwangsrekrutierung hinzu, und zwar für 12-jährige Knaben, für die Dauer von 25 Jahren. Das Ziel war, die männlichen Juden noch vor der Bar Mizwah von ihrem Glauben abzubringen. Erst unter Zar Alexander II. Nikolajewitsch (1818-1881) schien es, als würde sich eine leichte Verbesserung abzeichnen, indem er den strengen Ukas (Weisung) seines Vorgängers teilweise aufhob bzw. zurücknahm. Doch gleich nach seiner Ermordung, im Jahre 1881, kam es wieder zu blutigen Pogromen, da man die Juden für das Attentat verantwortlich machte. Die Revolutionäre sahen in diesen mörderischen Ausschreitungen das Zeichen einer ''Volks-Gaehrung'', und die zaristischen Beamten schürten ihrerseits die Pogrome quasi als Ventil, jenes Dampfes, der sich sonst womöglich gegen sie richten könnte. An diesem makabren 'Spiel' war auch der bekannte russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewsij (1821-1881) beteiligt, der mittels seiner seit 1845 bis zu seinem Tode verfassten Schriften "Tagebuch eines Schriftstellers", provokant kräftig an diesem Antijudaismus mitschürte. |
|
|
|
NEUJIDDISCH Der Einbruch der Moderne in die ostjüdische Lebenswelt begann spät, dafür jedoch wirkungsvoller. Bald erschienen die ersten aufklärerischen jiddisch-sprachigen Zeitungen. Von großer Bedeutung war die zwischen 1863 bis 1872 in Odessa herausgegebene Wochenzeitung "Kol MeWasser" (Stimme des Boten), in der Autoren wie Israel AKSENFELD (1787-1866), Salomon ETTINGER (1799-1855), Abraham Baer GOTTLOBER (1810-1899), der geniale Mendele MOCHER SFORIM (eig. Scholem Jakob Abramowitsch, 1835-1917), oder Jizchok LINECKY (1839-1915) und Abraham GOLDFADEN (1840-1908) erstmals an die Öffentlichkeit traten. |
|
|
|
DAS JIDDISCHE THEATER |
|
|
|
DIE JIDDISCHE LITERATUR |
|
|
|
JIDDISCH UND DEUTSCH, EIN AUSTAUSCH |
|
|
|
DIE JIDDISCHE SCHRIFT |
|
|
|
DIE ORTHOGRAPHIE |
|
|
|
POLITISCHE ENTWICKLUNG Mit dem Aufkommen des national gesteuerten Antisemitismus
und den Pogromwellen, die seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Osteuropa
tobten, politisierten sich gleichfalls die bis dahin eher unpolitisch gewesenen
Juden. Innerhalb des Judentums entstanden einerseits zionistische, aber auch
religiös-orthodoxe und anderseits universell-politische, dem Sozialismus
nahestehende Bewegungen. Grob gesehen standen sich also drei Lager gegenüber:
die Orthodoxen mit der Bestrebung einer Kulturautonomie, die zionistischen
Parteien, mit einer unterschiedlich religiösen und sprachlichen Bindung, und
eine weitere Parteien-Gruppe, mit stark links gerichteten Tendenzen, mit
eindeutiger enger Bindung an die Jiddische Sprache, welche die beiden anderen
Richtungen z.T. bekämpfte. Fast zeitgleich mit dem ersten Zionisten-Kongress in
Basel (29.-31.Aug. 1897) entstand 1897 auf der Konferenz in Wilna aus der
Vereinigung der jüdisch-sozialistischen Gruppen die einheitliche Partei der
"BUND". Die "Bundisten" waren Anhänger des Gedankens der
national-kulturellen Autonomie und damit Vorkämpfer der Jiddischen Sprache -
versteht sich - als "Nationalsprache". Ein - auch historisch gesehen -
wesentlicher Schritt in diese Richtung erfolgte 1908 in Czernowitz, wo Nathan
Birnbaum die selbst heute noch als bedeutend geltende "CZERNOWITZER
SPRACHKONFERENZ" einberief. An ihr nahmen, neben Vertretern verschiedener
politischer Richtungen, so berühmte Schriftsteller, wie Scholem ASCH, David
NOMBERG, Jizchak Leib PEREZ, Abraham REISEN und Chaim SCHITLOVSKI teil. Geradezu
einstimmig wurde an dieser Konferenz das Jiddisch als Nationalsprache der Juden
anerkannt. Das Ergebnis kam nicht nur dem jüdischen Schulwesen in Osteuropa und
Amerika zugute, sondern beflügelte gleichzeitig die jiddische Literatur, das
Theater aber auch die Klesmorim (die Musiker). |
|
|
|
SCHLUSSWORT Aus der alten "Mame-Loschn", die man nicht mehr Zuhause lernt, sondern das Wissen an einer Universität erwerben muss, ist heute ein unpersönlicher Studien- und Freizeit-Spaß geworden. In einer unikalen, bis hin zur Charakterlosigkeit "gestylten" Sprachform erlernt man heute das Jiddisch - oder was die Philologen davon noch übrig ließen - beispielsweise an den Universitäten in Oxford, in Jerusalem, in Amerika und seit einiger Zeit auch in Deutschland und Österreich. |
|