Jüdische Musik
  HISTORISCHES  

Durch das ganze Mittelalter hört man von wandernden jüdischen Musikanten, die sich trotz hoher Steuern, Schikanen und Verbote durch die Behörden, immer wieder durchsetzen konnten. Sie waren Hofmusikanten bei Sultanen und Kalifen, bei Herzogen und Königen, sie spielten bei jüdischen und christlichen Zeremonien, in Weinstuben und bei Volksfesten. Alles, was das Publikum verlangte, konnten sie spielen - von besinnlichen Melodien bis zu wilden, ekstatischen Tänzen. Ihr Repertoire, das sie auswendig konnten,  gaben sie an die nächste Generation weiter, in der Regel an die eigenen Kinder.

Die Wurzeln des Klezmer sind in Osteuropa über Jahrhunderte zurückzuverfolgen.  Ursprünglich war Klezmer eine rein weltliche Instrumentalmusik - im Tempel war nur das vokale Musizieren erlaubt. Als jüdische Musik bezeichnet, beinhaltet der Begriff "Klezmer" allerdings sowohl die weltliche, als auch die religiöse Komponente der jüdischen Kultur. Bekannte jüdische Musikantengruppen gab es in Prag, Fürth, Berlin Frankfurt. Berufsmäßige Klezmorim dienten als Militärmusiker in deutschen und russischen Armeen. Die erste Erwähnung darüber gibt es aus dem Jahre 1637: Ein gewisser Chaim Zimbalist aus Polen fiel im 30jährigen Krieg, als er bei Wallenstein im Sold war. Aus dem Jahre 1800 existiert die Beschreibung einer Klezmorim-Gruppe, die aus zwei Geigen, einer Klarinette, einem Cello und Hackbrett bestanden hat.  

Mit der Emanzipation der Juden in Europa setzt sich die Tradition der Klezmorim in Osteuropa fort. Michael Joseph Gusikow, 1806 in Schkow geboren, stammte aus einer Klezmorim-Dynastie. Von seinem Vater erlernte er Flöte spielen, musste es aber wegen schwacher Lungen aufgeben. Er erlernte das Hackbrett und entwickelte daraus ein selbstgebasteltes Instrument (eine Art "Straw-Fiddle"), das er virtuos beherrschte. Er trat mit schwarzem Kaftan, schwarzem Hut und den Pejess (Schläfenlocken) auf und verzauberte mit seinem einfachen Instrument das Publikum. Felix Mendelssohn-Bartholdy sah in einem Konzert und schrieb: "Er ist ein Phänomen, er gefällt mir besser als so mancher Klavierspieler, seit langem hat mir kein Konzert so gut gefallen - dieser Mann ist ein Genie!"

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Klezmer zu einem klaren, eindeutig zu identifizierenden musikalischen Stil. Die Musik fand ihre Inspiration nicht nur in der 
Synagoge, sondern zunehmend auch von der nicht-jüdischen Kultur ihrer Umgebung.


 
 

DIE ALTE WELT

Das Klezmer-Leben war kein Zuckerschlecken. Man trat überall auf, wo im weiteren Umkreis ein Fest gefeiert wurde. Selten wurde man dabei mit Respekt behandelt. Die Gagen waren kümmerlich, wenn überhaupt etwas bezahlt wurde, und die Musiker waren froh, "wenn sie gute Speisen und Lebkuchen für ihre Familien mitnehmen durften". Befanden sich reiche Gästen im Publikum, konnte man auf etwas Trinkgeld hoffen. 

Gespielt wurde für jedermann, der eine "Kapelye" benötigte, egal ob Jude, Zigeuner oder Goj, Bauer oder Edelmann. Denn kein Klezmer konnte es sich leisten, einen Verdienst auszuschlagen, auch wenn die Anfahrt weit war. "Wir fuhren immer mit dem Pferdewagen in das Schtetl, wo wir zur Hochzeit spielen sollten, und wir spielten beim Licht der Kerosinlampen", erzählt der Schlagzeuger Ben Bazyler. "Der Bass war so alt, dass er auseinander fiel. Er wurde mit Bindfäden zusammengehalten. Wenn wir auf dem Wagen fuhren, schaukelte es, und vom Bass lösten sich ganze Stücke ab. Mein Vater wollte nicht, dass ich Musiker werde, weil es ein Hundeleben war."

Das Repertoire der jüdischen Musikanten in Osteuropa spiegelte ihre prekäre soziale Lage wider. Da das Publikum und sein Geschmack variierte, konnte man seine Auftrittsmöglichkeiten dadurch steigern, dass man möglichst viele verschiedene Stilarten beherrschte. Von den traditionellen Hochzeitsmelodien über jiddische Instrumentalmusik bis zu aktuellen Modetänze war vieles gefragt, und wehe man hatte den Wunschtitel nicht parat. "Igraj ili dengi worotaj! (Spiele, oder gib das Trinkgeld zurück!), dieser Satz war unter den Gästen sehr beliebt", erzählte Ychil Grinberg, Vater von Roman und Tony Grinberg und selbst Klezmer aus Belz, Moldawien. "In den 50er und 60er Jahren spielten wir oft die ganze Nacht, den ganzen Tag und die Nacht darauf. Eine Dorfhochzeit dauerte halt manchmal das ganze Wochenende. Und dann gingen wir zu Fuß viele Kilometer weit nach Hause - müde aber zufrieden. Manchmal auch ohne Gage, aber die Instrumententaschen und sogar oft die große Trommel voller Essen und Kuchen."

Klezmorim blieben selten unter sich. Gemischte Kapellen waren häufig, und in Ungarn sollen sogar "Zigeunerorchester" aufgetaucht sein, die ganz von jüdischen Musikern gebildet wurden - und umgekehrt. Klezmer ist sehr vielschichtig, diese Musik wurde von vielen Kulturen beeinflusst, und sie selbst hat unzählige Kulturen der Welt beeinflusst. Die Vielfalt der Einflüsse rumänischer, russischer, ukrainischer, bulgarischer, griechischer, türkischer und ungarischer Musik sind nicht zu überhören. Die Brücke, die sie zwischen all diesen Kulturen bildet, macht sie zu einer Weltsprache der Seele.

Die Instrumente der frühen Klezmerkapellen bilden auch heute noch die Grundbesetzung einer Klezmer-Gruppe. Anfänglich waren es natürlich die Streichinstrumente, die dominiert haben, später kamen Klarinette, Akkordeon und Kontrabass dazu. Speziell größere "Kapelyen" waren fallweise auch mit Blechblasinstrumenten und Trommeln besetzt.

Die großen Auswanderungswellen europäischer Juden brachten diese Musik nach Nordamerika. In der "Neuen Welt" florierte und entwickelte sich Klezmer trotz der nahezu vollständigen Zerstörung des jüdischen Lebens in der "Alten Welt".


 
 

DAS JIDDISCHE LIED

Durch die zeremonielle Verwendung des Alten Testaments im Synagogengesang erfährt man etwas über die verschiedenen musikalischen Traditionen. Es gab eine babylonische, eine persische, eine italienische, eine sephardische (spanische), eine sephardisch-ägyptische, später dann auch eine sephardisch-holländische, sephardisch-französische und letztlich eine aschkenasische (deutsche) Tradition. 
Dieses uralte Musikerbe hat die Chassidim bei ihrem Gottesdienst inspiriert, als sie begannen in Ekstase frei zu improvisieren. Die erwähnten Einflüsse der slawischen und baltischen Elemente gaben der jüdisch-chassidischen Musik die Klangart, die man heute sofort und eindeutig heraushört.

Aber nicht nur die chassidischen Gesänge, auch die anderen jiddischen Lieder,  obwohl die meisten von Melancholie und Traurigkeit, später dann von Trotz, Zorn und Widerstand geprägt waren, gaben den Menschen Trost. Abgesehen von echten Volksliedern, deren Verfasser natürlich nicht mehr bekannt sind, und von denen manche weit über 100 Jahre alt sein können, schrieben sowohl in Europa als auch in den USA jüdische Künstler unzählige Stücke.

Hier einige der berühmtesten Vertreter: Mark Warschawsky (1848-1907) schrieb 
"Ojfn Pripetschik"
und "Dem Milners Trern"; Abraham Goldfaden (1840-1908), der als "Vater des Jiddischen Theaters" bezeichnet wird, schrieb u.a. "Roschinkes mit Mandlen"; von Mordechaj Gebirtig aus Krakau (1877-1942) stammen so berühmte Lieder wie "Kinder-Jorn", "Rejsele", "Unser Schtetl Brent" 
und "Awrejml Der Marwicher"; Aaron Lebedeff schrieb "Rumenie", Abraham Ellstein hinterließ uns "Der Najer Scher", zusammen mit Molly Picon schrieb er auch 
"Abi Gesunt"
und "Ich Sing". Weiters sind die großen Künstler Itzik Manger, Alexander Olschanetsky, Joseph Rumschinsky, Scholom Secunda und Jacob Jacobs zu erwähnen, die das jiddische Lied verewigt haben.

Die jüdische Musik entwickelte sich also weltweit zunehmend von der reinen Instrumentalmusik zum gesungenen Lied. Die vielen Produktionen am Jiddischen Theater verlangten einerseits der jüdischen Musik neue Kreativität ab, andererseits boten sie ihr auch neue Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. In den leidenschaftlichen Liebesliedern, den heiteren Hochzeitstänzen, den Balladen über historische Ereignisse, den politischen Hymnen und Wiederstandsliedern mischten sie die Melodien und Rhythmen der Alten und der Neuen Welt zusammen.

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte die Klezmer-Musik in den USA ihr "Golden Age". Die aufkommende Schallplattenindustrie sowie unzählige Tanzsäle, Varietes, 
Theater und Stummfilmkinos boten üppigen Verdienst. Um aktuell zu bleiben, wurden Jazzelemente in die jiddische Musik aufgenommen. Doch der Boom währte nicht lange. Die Weltwirtschaftskrise stürzte die gesamte Unterhaltungs- und Vergnügungsbranche in eine tiefe Depression, von der sich die Klezmer-Musik nie mehr ganz erholte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die "heymishn" Tänze - die "Bulgars" und "Frejlechs" - immer mehr aus der Mode.

Erst die achtziger Jahre brachten den Umschwung. Etliche neue Gruppen wurden gegründet, die in Konzerten, auf Festivals und Platten der jüdischen Musik wieder eine Stimme gaben. Das Klezmer-Revival war jedoch nie eine ausschließlich amerikanische Angelegenheit. Auch in Israel, Kanada, Bulgarien, Moldawien und der Ukraine gab es Gruppen und Solisten, die daran Anteil nahmen. In ganz Deutschland hat der argentinisch-jüdische Klarinettist Giora Feidman die Klezmer-Klänge wieder bekannt gemacht, indem er bei einer Gedenkveranstaltung auf seiner Klarinette spielend durch die Reihen der Abgeordneten vom Bundestag ging.


 
 

UND HEUTE?

Eine neue Musikergeneration hat diese wunderschöne Musik wiederentdeckt und sie durch Einflüsse von Jazz, Ethno und Weltmusik zu neuem Leben erweckt. Von Nordamerika ging diese Bewegung über die ganze Welt, und diese alte, aber noch immer quicklebendige Musik ist in jedem europäischen Land, in Süd- und Nordamerika und auch in Israel wieder neu zu hören.  

"Klezmer ist Musik, die lebt. 
Sie tanzt und singt, sie weint und lacht, sie ist der Ausdruck 
unserer Lebensfreude und der Trauer."  

So wie jede lebendige Volksmusik der Welt, egal ob irischer Folk, brasilianischer Samba, ungarische Zigeunermusik oder argentinischer Tango (um hier nur einige zu nennen), ist auch Klezmer bis heute das geblieben, was es immer war: Musik vom Volk fürs Volk. Gebrauchsmusik, von den Musikern gespielt, um den Zuhörern Freude zu bereiten, sie zu unterhalten, um bei verschiedenen Festen zum Tanz aufzuspielen.  

Mögen viele Wissenschafter auch davon ausgehen, dass die jiddische Sprache als echte Volkssprache in der Zukunft aussterben wird, die Klezmer-Musik und das jiddische Lied wird als echte Volksmusik ewig leben. Und auch die Tatsache, dass immer mehr nichtjüdisches Publikum zu den Klezmer-Konzerten auf der ganzen Welt strömt, beweist, dass sie als eigenständige Musikform längst anerkannt und etabliert ist und ihren Platz im weltweiten musikalischen Kaleidoskop gefunden und gefestigt hat.  


 
 

DIE GROSSEN KLEZMORIM

Unter den vielen Emigranten-Musikern aus Russland, Ukraine, Polen, Rumänien oder Ungarn, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in die USA gekommen waren, befanden sich auch die wichtigsten Klezmorim der damaligen Zeit.

Abe Schwartz: Kunst-Volksmusiker, Exot und Komponist: 1880 in Rumänien geb., ca. 1900 emigriert. 1917-38 über 50 Schallplatten mit Balkan-Musik. Leitet "Qualitäts-Bands", engagiert u.a. Brandwein, Tarras, komponiert für das Jiddische Theater (Hit "Di Grine Kusine", 1917). Spielte bis 1949.

Naftule Brandwein: Volksmusiker mit Gefühl, fürs Business nur bedingt brauchbar; 1889 in der Nähe von Lemberg geb., Familie "Klezmer-Dynastie". 1913 in New York, 
bald "King of Jewish Music".
Konnte nicht in den (lukrativeren) Jüdischen Theatern mitspielen, weil er nicht Noten lesen konnte und "nur nach Gefühl spielen" konnte. 
Fand nach dem zweiten Weltkrieg schnell Kontakt zum chassidischen Musikbetrieb. Um ihn ranken sich unzählige Legenden. Er spielte oft mit dem Rücken zum Publikum, damit niemand "seine Ideen stehlen" konnte (diese Geschichte ist wahr, es stellt sich nur die Frage, warum er so viele Platten aufgenommen hat oder überhaupt Konzerte gab, wenn er nicht wollte, dass man seine Ideen "stahl"...).

Dave Tarras: (Dovid Tarraschuk) Späteinwanderer mit solidem Background; "Vater der jiddisch-amerikanischen Klezmer-Musik". In Ternovka (Ukraine) 1897 geb. 1921 nach New York eingewandert. In der alten Heimat hatte ihm sein Vater noch das 
Notenlesen beigebracht, um dem Sohn die Demütigung zu ersparen, als ungebildeter musikalischer Dilettant angesehen zu werden. Ging in Ellis Island an Land, wo die Behörden kurzerhand seine Klarinette "aus Desinfektionsgründen!" beschlagnahmten und vernichteten. Zuerst schlug er sich als Kürschner durch und konnte erst allmählich wieder als Musiker Fuß fassen. 1923 avancierte er unter seinem amerikanisierten Namen Dave Tarras vom gelegentlichen Hochzeitsunterhalter zum Star der jüdischen Musikszene in den USA. Yiddish-American Jazz Band (Nachfolger von Brandwein). Er nahm Dutzende von Schallplatten auf, spielte in "Live-Shows" im jiddischen Radio und wurde von den großen Hotels der jüdischen Erholungsorte zu Engagements verpflichtet. Seine makellose Technik kombiniert mit einem leicht aufgerauhten Ton und feinem Vibrato gaben ihm einen unverwechselbaren Sound, den er noch mit Ziehtönen und Trillern anreicherte. 1938 macht Tarras "Baj mir bistu schejn" zum Hit. Später kann er sich mit den "Chassidischen Parties" nicht anfreunden, ist in den 70ern "Traditionalist". 
1978 veranstalten Klezmer-Revivalisten ein Konzert mit Tarras. 1979 macht das "Balkan Art's Centre" die letzte Aufnahme. 1984 "National Heritage Folklife Award".

The Epstein Brothers - Zweite Generation - geraten verspätet in den Revivalstrudel. Max Epstein, 1912 geb., spielt in Stummfilmen, in rumänisch-jüdischen Restaurants Klarinette und Saxophon, auf Festen, im jiddischsprachigen Radio und im Jiddischen Theater. Engagements bei Warner Brothers. Überwiegend "Club dates". Mit seinen Brüdern zusammen spielte er nach dem 2. Weltkrieg im "chassidischen 
Musikgeschäft" in Brooklyn. 70er: zieht mit seinen Brüdern nach Florida, wo sie in 
Hotels und Altenheimen jiddische Operrettenmelodien und Jazz-Standards spielen. Das Klezmer-Revival haben sie - wie sie selbst sagen - nicht bemerkt. 


 
  Frejlech - 1982 als typische "Chassene- und Bar Mizwah-Band" gegründet...